Schlagwort: Wandern

Nach dem Oben wurde ich ein anderer unten

Wenn ich dieses Foto sehe kommen mir jedes Mal fast die Tränen. So viele Erinnerungen hängen an diesem Moment. Ich stehe dort oben mitten in den Alpen und habe Wochen und Monate des Zweifels hinter mir. Viele Nächte habe ich mich schlaflos von einer Seite auf die andere gewälzt und bin rastlos durch den Tag gestürmt. Aber dort oben, da habe ich den Weg zurück zu mir gefunden. Den Zugang zu meinen eigenen Ich. Die Ruhe in mir Selbst. Meine Kraft. Mein Antrieb. Und deswegen bin ich aus tiefster Seele unendlich dankbar, dass ich im September dort stehen durfte! Die Berge haben mich vor dem Ertrinken gerettet.

#mountaingirl

AUSSORTIEREN

Ein Schritt vor den anderen setzend sortiere ich meine Gedanken: Kiste auf. Gedanken raus. Drehen. Wenden. Fühlen. Aussortieren. Noch mal genauer hinschauen. Eigentlich gar nicht so übel. Kurz nachdenken. Weg sortieren. In eine andere Kiste. So geht es weiter. Und wenn der Tag sich dem Ende neigt ist alles geordnet. 🍄🍂👞
#wanderlust

Das Glück schmeckt nach Salami

Seit zwei Tage hatte ich einen unbändigen Heißhunger auf Salami. Am dritten Tag trieb mich während des schier endlosen Abstiegs von der Seescharte nach Zams immer nur der Gedanke an den Metzger weiter bergab. Leider trennten mich allerdings noch 2,5 Stunden Fußmarsch von meinem Ziel. Diese Etappe wollte und wollte einfach kein Ende nehmen: die Füße schmerzten, der Rucksack wurde immer schwerer und die Konzentration lies nach. Es war dringend Zeit für eine kleine Pause.

Also saß ich dort vor dieser Hütte, in Gedanken bei meinen Salami Sticks, als einer meiner Mitwanderer plötzlich eine ganze Wurst aus seinem Rucksack zieht und mir ein Stück anbietet. Heißhungrig beiße ich in das salzige Stück Fleisch hinein und spüre, wie mir das Wasser im Mund zusammen läuft. Ich beiße ein zweites Mal zu und denke mir, wie schön das Leben doch ist. Ich schließe die Augen und strecke mein Gesicht gen Himmel. Ein Lachen steigt in mir hoch. Freude durchflutet meinen ganzen Körper. Mit einem dritten, letzten Biss verschlinge ich den Rest meiner Salami. Und noch während ich dem Geschmack der Wurst in meinem Mund nachspüre, durchfährt mich plötzlich eine grundlegende Erkenntnis: über nichts im Leben hätte ich mich gerade so gefreut wie über dieses kleine Stück Salami!

img_8515-1

img_8516-1

Ich frage mich, wann ich das letzte Mal ein derart überwältigendes körperliches Glücksgefühl empfunden habe. In meinem Kopf spielt sich ein Film ab: alle Erfolgssituationen die ich in den letzten Jahren erlebt habe, laufen an meinem inneren Auge vorbei. Ich denke daran, wie ich das erste mal eine Gehaltserhöhung ausgehandelt habe. Klar, empfand ich damals eine gewisse Zufriedenheit, aber nicht im Mindesten das wilde körperliche Gefühl, welches mir eben dieses einfache Stück Salami verschafft hat. Ich kann mich an keine Situation erinnern, die mich in einen derartigen Gefühlszustand versetzt hat – außer vielleicht als ich das letzte Mal so richtig frisch verliebt war. In diesem Moment, mitten im Nirwana der österreichischen Alpen wird mir schlagartig bewusst, dass ich vor meiner Reise einen solch unscheinbares Stück Salami niemals zu würdigen gewusst hätte. Wie so viele Menschen in meinem privaten und beruflichen Umfeld habe ich Glück mit Geld und Wertschätzung gleichgesetzt. Und je mehr Geld ich zur verfügung hatte, desto teurer musste die Belohnung ausfallen um mich glücklich zu fühlen. Meine “Glücksschwelle” stieg also immer weiter nach oben.

img_8517-1

img_8521-1

Die Alpenüberquerung hat mich eines besseren belehrt und mich auf den Boden der Tatsachen zurück geholt: meine Glücksschwelle senkt sich mit jedem Tag den ich unterwegs bin. Jeder einzelne Kilometer auf dieser Wanderung zeigt mir immer wieder auf, was ich wirklich brauche: Wasser, Essen und eine warme Jacke – und all das, wiegt nur wenige Kilo und passt problemlos in meinen Rucksack. Alles was über eben jenes Mindestmaß hinaus geht, verschafft mir hier oben in den Bergen ein überwältigendes Glücksgefühl: die erste warme Dusche nach drei Tagen, der erste Sonnenstrahl nach 6 Stunden Regen – oder eben ein unerwartetes Stück Salami von einem Mitwanderer.

img_8519-1

 

 

ANKOMMEN

Getrieben von dem Verlangen dem Alltag zu entfliehen flüchte ich mich in die Berge. In den letzten Wochen ist etwas verloren gegangen. Ein Teil von mir ist verstummt, ist einfach nicht mehr da. Ich beginne meine Wanderung als Suchende. Eine Suche nach etwas, von dem ich nicht einmal weiß wie es sich anfühlt. Aber Schritt für Schritt finde ich etwas, tief in mir drin was eben jene klaffende Lücke füllt. Etwas buntes, wundervolles erfüllt meine Seele mit einer unbändigen Kraft. Plötzlich fühle ich es: die Freude, das Glück, die Zufriedenheit. Am Ende meiner Reise bin ich angekommen. Ich habe mich selbst gefunden. 🙏🏼🏔💙 #tiffygoesE5

Alpenüberquerung E5 | Etappe 1

Die Entscheidung war endgültig gefallen: ich laufe die Alpenüberquerung über den E5 – alleine als Frau. Koste es was es wolle. Mein erstes Etappen-Ziel: die Kemptner Hütte. Ich nehme also all meinen Mut zusammen, schultere den Rucksack und stapfte los. Es wär ja noch schöner, wenn ich mich jetzt vom strömenden Regeln abhalten lasse und aufgebe bevor ich überhaupt angefangen habe. Während ich langsam einen Fuß vor den anderen setze, schiessen mir wieder all die Bedenken in den Kopf, die ich mir in den letzten Tagen und Wochen anhören musste:  Weiterlesen

GIPFELGLÜCK

Noch bis vor einer Woche war ich alleine unterwegs. Dort oben in den Bergen, weit weg vom Rest der Welt lagen Freude und Leid unglaublich eng beieinander. Ich habe diese unendliche Freiheit genossen und gemerkt wie sich mit jedem Schritt etwas in mir verändert. Tief in mir drin haben sich Knoten gelöst und Gedanken geordnet. Neue Wünsche sind aufgeploppt und die Sorge in meinem Herz wurde von einem überwältigenden Gefühl der Dankbarkeit verdrängt. Zurück in Hamburg trage ich einen Schatz in mir, den mir niemand mehr nehmen kann und der mich Tag für Tag antreibt. Die Kraft der Berge hat ihren Platz in meinem Alltag gefunden. 💙🏔🙏🏼

Mehr Gedankengut gibt es täglich bei Tiffy auf Instagram.

Alpenüberquerung E5 – alleine unterwegs

Grauer Nebel und Nieselregen. So begrüßt mich Oberstdorf als ich aus dem Zug steige um meine Alpenüberquerung in Angriff zu nehmen. Es ist Sonntag, der Linienbus fährt um diese Uhrzeit nicht mehr. Das fängt ja gut an. Auf dem Weg zum Taxistand begegne ich keiner Menschenseele und auch mein Klingeln und Klopfen an der Tür der Zentrale ist erfolglos. Ich stehe dort mit meinem viel zu schweren Rucksack und habe keine Ahnung, wie ich um diese Uhrzeit noch ins Hotel kommen soll, geschweige denn, innerhalb von 8 Tagen nach Meran. Zu Fuß.

Kommt Zeit kommt Rat denke ich mir und nehme auf der überdachten Bank vor der Taxizentrale Platz. Meine Zweifel wachsen und ich kann die immer lauter werdende Stimme tief in mir drin nicht mehr ignorieren: was zur Hölle mache ich hier eigentlich? Traue ich mir das wirklich zu, alleine als Hamburger Deern über die Alpen zu laufen. Einfach so. Morgen früh – Schuhe an und los?!

Letzte Chance … vorbei

Bevor ich auf der Stelle kehrt machen kann um mich zurück in den nächsten Zug gen Hamburg zu flüchten, fährt Gott sei Dank das Taxi auf den Hof und bringt mich wohl behalten zum Explorer Hotel, wo ich mir noch diese letzte Nacht in einem anständigen Bett mit reichhaltigen Frühstück am nächsten Morgen gönne.

e5_03

Auch nach einer sehr unruhigen Nacht ändert sich das Wetter nicht. Im Gegenteil. Von den an mein Fenster klopfenden Regentropfen werde ich geweckt. Ich lasse noch einen Moment die Augen zu, in der Hoffnung, dass sich der Regen weg träumen lässt – aber keine Chance. Nass, kalt und grau begrüßt mich dieser Montag. Meine Stimmung hat noch vor dem Aufstehen den absoluten Tiefpunkt erreicht. Ich checke den Wetterbericht auf der Alpenvereinsseite und meine größe Befürchtung bestätigt sich: im Laufe der nächsten Tage soll es durchgehend regnen und die Schneegrenze kommt auf 1.800 Hm runter. Jackpot.

Alpenüberquerung alleine – ganz sicher?!

Auch die Mitarbeiter des Hotels sind von meinem Vorhaben die Alpenüberquerung alleine zu laufen nicht sonderlich begeistert. Ich führe in den 24 Stunden vor meinem Aufbuch ein und den selben Dialog ganze drei Mal:

• Mit welcher Bergschule läufst du denn los? 
– Mit gar keiner, ich laufe alleine.
• Und wo haben deine Freunde übernachtet?
– Wie gesagt, ich laufe alleine.
• Hast du das schon mal gemacht?
– Ich war schon öfters in den Bergen, aber das ist meine erste Tour alleine.
• Wow – ist dir bewusst was dich da erwartet?
– Ich kann es es mir grob vorstellen, bin gut vorbereitet und werde es aus mich zukommen lassen.
• Okay … wo kommst du denn her?
– Aus Hamburg.
– Ach herjee …. hast du überhaupt die richtigen Schuhe dabei?
– Dank Dachstein bin ich bestens ausgerüstet.
– Du weißt aber schon, dass der Schnee kommt?
– Ja ich habe mich informiert und wenn es so sein sollte muss ich abbrechen.
– Bist du überhaupt versichert? – es werden regelmäßig Wanderer von der Bergrettung abgeholt, die sich maßlos überschätzen.
– Danke der Nachfrage, ich bin stolzes Mitglied im DAV Hamburg und mit dem Schlimmsten will ich nicht rechnen.

Zwei dieser Gespräche enden damit, dass mir die Therme in Oberstdorf als optimales Ausflugsziel an Regentagen ans Herz gelegt wird. Na vielen Dank auch – mit dem Zuspruch von allem Seiten kann ja nichts mehr schief gehen!

Nachdem ich meine Tasche mit allem was nicht in den Rucksack gehört im Explorer Hotel für die nächsten Tage sicher eingeschlossen habe, mache ich mich auf zur Bushaltestelle. Der erste Bus kommt gar nicht, der zweite Busfahrer lässt mich wortwörtlich einfach im Regen stehen. Wie hätte es an diesem Morgen auch anders sein sollen? Wild entschlossen mich nicht unterkriegen zu lassen, rufe ich mir ein Taxi und lasse mich am Hotel abholen. Einziger Nachteil: der oben skizzierte Dialog spielt sich noch ein viertes Mal zwischen dem Taxifahrer und mir ab. Einziger Unterschied: ich verheimliche ihm diesmal, dass ich aus Hamburg komme und dass mein Ziel Meran ist, schliesslich lerne ich auch dazu. 😉

e5_04

Am Bahnhof angekommen geht es zu Fuß weiter in Richtung katholische Kirche. Die Beschilderung des Wanderweges lässt zu wünschen übrig und ich bin froh auf einige Menschen zu treffen, die mir den Weg weisen können. Die ersten 20 Minuten laufe ich an der Straße lang geplagt von immer größer werdenden Zweifeln. Soll ich wirklich los laufen? JEDER rät mir davon ab. Tausend Stimmen schwirren durch meinen Kopf. Was soll ich tun?

Hör auf dein Herz!

Durchgefroren und nass wie ich bin, beschliesse ich in der Loretto Kapelle eine Pause einzulegen, um zwischen all den Stimmen meine eigene wieder zu finden. Dort in dieser kleinen Wallfahrtskapelle fasse ich einen Entschluss: egal was alle anderen sagen ich werde laufen. Zumindest bis zur Kemptner Hütte. Und nach einem heißen Kakao und einem Kaiserschmarren auf der Hütten, werde ich morgen früh je nach Wetterlage entscheiden ob ich meine Tour fortsetze oder umkehren muss. Aber zumindest die erste Etappe will ich schaffen. Ich will es wenigstens versucht haben. Mein Entschluss steht fest: E5 ich komme!

e5_05