Alpenüberquerung E5 | Etappe 1

Die Entscheidung war endgültig gefallen: ich laufe die Alpenüberquerung über den E5 – alleine als Frau. Koste es was es wolle. Mein erstes Etappen-Ziel: die Kemptner Hütte. Ich nehme also all meinen Mut zusammen, schultere den Rucksack und stapfte los. Es wär ja noch schöner, wenn ich mich jetzt vom strömenden Regeln abhalten lasse und aufgebe bevor ich überhaupt angefangen habe. Während ich langsam einen Fuß vor den anderen setze, schiessen mir wieder all die Bedenken in den Kopf, die ich mir in den letzten Tagen und Wochen anhören musste: 

  • Hast du keine Angst?
  • Meinst du nicht, du überschätzt dich?
  • Bist du dir ganz sicher?
  • So ganz alleine?
  • Und wenn was passiert?

Ich ziehe die Kapuze noch etwas tiefer ins Gesicht und beschleunige langsam das Tempo. Ich alleine habe es in der Hand wie die nächsten Tage aussehen. Ich alleine stehe gerade am Fuße der Alpen und ich alleine will es schaffen zu Fuß nach Meran zu laufen. Egal was alle anderen sagen, egal wie der Wetterbericht aussieht: ich gebe dem aufsteigenden Zweifel keine Chance, denn mein Herz meldet sich leise aber mit fester Stimme zu Wort:

Du tust das für dich und nicht für die anderen.
Du hast ein Ziel.
Du kannst auf dich zählen und dir selbst vertrauen.
DU SCHAFFST DAS!

Entschlossen umgreife ich meine Wanderstöcke fester und verlasse Oberstdorf in Richtung Chrislessee. Der inmitten des Trettachtals gelegene See sieht wunderschön aus: blau grün gefärbt liegt er da und trotz des strömenden Regens komme ich nicht drumherum die Kamera auszupacken um ein paar Fotos zu machen. Im Nachhinein erfahre ich, dass dieser sagenumwobene See einzigartig ist: er friert nie zu – nicht einmal bei -30 Grad!

img_8110

img_8109

img_8106

Es gibt kein schlechtes Wetter – nur die falsche Kleidung!

Vom See aus geht es weiter in Richtung Spielmannsau wo ich nach ca 2h das erste Mal auf einen anderen Menschen treffe: der Förster tritt gerade in Begleitung seines Hunds aus dem Wald. Auch er ist in einen langen, klatschnassen Regenmantel gehüllt und fragt mich mit überraschend guter Laune, wo die Reise hin gehen soll. Er ist die erste Person die mir seit meiner Anreise in Oberstdorf Mut macht und meine Wanderung für eine gute Idee hält. Auch er gibt zu, dass das Wetter nicht optimal ist, aber er verspricht, dass es in den nächsten Tagen besser werden soll und verabschiedet sich mit den Worten „Es gibt kein schlechtes Wetter – nur die falsche Kleidung!“.

Wie recht er doch hat! Bei dem Dauerregen der mich den ganzen ersten Tag über begleitet, bin ich unglaublich dankbar, dass mich meine Regenjacke* während der kompletten 5 Stunden die ich unterwegs bin nicht im Stich lässt! Dank voll verstellbarer Kapuze, verschweißter Nähte und wasserdichten Reißverschlüssen habe ich tatsächlich das Gefühl einigermassen trocken durch den Tag zu kommen.

Nachdem ich mich überschwänglich vom Förster verabschiedet und die Spielmannsau hinter mir gelassen habe, beginnt am Talschluss der Trettach der Aufstieg auf die in 1.844Hm gelegene Kemptner Hütte. Der Wanderweg ist Gott sei Dank leicht zu gehen und schlängelt sich in leichten Serpentinen den Berg hinauf. Ich bin dankbar für den guten Weg – ein wahres Geschenk bei dem Regenwetter!

img_8107

img_8112

img_8108

Plötzlich finde ich mich inmitten einer Baustelle wieder und werde durch einen behelfsmäßigen Steg über den Sperrbach gelotst. Aufgrund des seit Tagen andauernden Regens schiesst das Wasser wild in die Tiefe und verschwindet irgendwo unter mir im Tal – genau dorthin, wo ich mit meinem Aufstieg vor circa einer Stunde begonnen habe. In Kehren steige ich weiter steil bergauf, solange bis sich der Weg irgendwann senkt und ich ein weiteres Mal am Sperrbach stehe, welchen ich diesmal dank einer Holzbrücke bequem queren kann.

Hier unten am Bach mache ich eine Pause. Nach ca 4h Aufstieg bei sehr schlechten Wetterbedingungen, merke ich, dass ich physisch und vor allem psychisch schon ziemlich am Ende bin. Meine größte Angst: auf der Hütte anzukommen und dort oben keine anderen Wanderer anzutreffen. Das würde nämlich auch bedeuten, dass ich in den nächsten Tagen auf dem E5 alleine unterwegs und komplett auf mich selbst gestellt bin. Mit diesem Gedanken kann ich mich nicht so recht anfreunden. In meinen Vorstellungen, habe ich immer mit Gleichgesinnten gerechnet, die mir auf meinem Weg begegnen. Aber was tun, wenn ich die einzige Verrückte an diesem Tag bin, die sich aufgemacht hat? Ich mochte gar nicht weiter darüber nachdenken …

img_8113 img_8115

Plötzlich werde ich aus meinen trüben Gedanken gerissen: ich höre hinter mir das Klappern von Stöcken. Und klappernde Stöcke sind in diesem Moment das schönste Geräusch das ich mir hätte vorstellen können, denn das bedeutete auch: andere Menschen!

Mir fällt ein Stein vom Herzen – ach was sag ich – ein ganzer Berg!

Einer nach dem anderen taucht plötzlich eine ganze Schülergruppe hinter mir auf. Der bunte Haufen, lässt sich ebenfalls am Bach nieder um eine Pause zu machen. Alle grüßen mich freundlich, sind selbst pitschnass aber lachen mich aus vor Anstrengung geröteten Gesichtern an. Nach einem kurzen Gespräch mit den Lehrern finde ich heraus, dass die ganze Truppe ebenfalls auf dem Weg zur Kemptner Hütte ist und auch bis nach Meran laufen will. Mir fällt ein Stein vom Herzen – ach was sag ich – ein ganzer Berg!

img_8117 img_8116

Diese Begegnung macht mir so viel Mut, dass ich meinen Rucksack wieder schultere, mich frohen Mutes verabschiede und weiter laufe – nur noch 1h Aufstieg durch das Sperrbachtobel trennen mich von der warmen Hütte. Und jetzt wo ich weiß, dass ich auf die erste erfolgreiche Etappe nicht alleine anstoßen musst, läuft es sich doch deutlich leichter! Das letzte Stück des Weges ist abwechslungsreich in den Fels gesprengt. Es gilt den ein oder anderen Wasserfall zu durchqueren, aber das stört mich dank des Regens nun auch nicht mehr, denn nass bin ich sowieso von oben bis unten. Sobald ich die ersten grünen Grashänge erreiche, wird auch die Kemptner Hütte rechts oberhalb beim Kratzfeld sichtbar.

Die erste Etappe ist geschafft!

Die letzten Meter durch Gebirgsbäche und Matschpfützen läuft es sich dann ganz von alleine. Endlich an der Hütte angekommen kann ich mein Glück kaum fassen: trotz des miesen Wetters und der anfänglichen Zweifel ist es geschafft und ich habe nach 5 Stunden Fußmarsch die erste Etappe meiner Alpenüberquerung geschafft! Stolz wie Bolle schäle ich mich aus meinen klatschnassen Klamotten und gönne mir erst einmal eine heiße Schokolade.

img_8119 img_8118

TOURENINFO Etappe 1: Oberstdorf – Kemptner Hütte

Die erste Etappe des E5 startet in Oberstdorf am Bahnhof, führt an der katholischen Kirche entlang in Richtung Süden. Nach etwa 20 Minuten Fußmarsch passiert man die Wallfahrtskappelle St. Loretto und läuft weiter auf der Birgsauer Straße in Richtung Golfplatz. Stets dem Weg folgend, passiert man ca. 2h später den Berggasthof Spielmannsau von wo aus sich der Weg in Richtung Talschluss der Trettach schlängelt und der Aufstieg beginnt. Nach ungefähr 5h Gehzeit erreicht man dann die Kemptner Hütte auf 1.846m. Handyempfang gibt es auf der Hütte keinen und warm Duschen kann man nur bei gutem Wetter (Solaranlage).

Mir persönlich hat die Kemptner Hütte überhaupt nicht gefallen. Noch nie habe ich auf meinen Touren eine Hütte erlebt, die so unpersönlich ist und auf der es so schlechtes Essen gibt (trotz Materialseilbahn!). Dazu kam, dass wir nach diesem Regentag am nächsten Morgen entsetzt feststellen mussten, dass der Trockenraum über Nacht nicht funktioniert hat – aber dazu bald mehr.

Tourenlänge: ca. 20km
Laufzeit: ca. 5h
Höhenmeter: 1.100 Hm
Höchster Punkt: Kemptner Hütte (1.846 m)

img_8114

Kategorie Hike, Outdoor

Hej hej, ich bin Lisa. Naturkind, sturmverrückt und Surferbraut im Herzen. Solange der Wind mit meinen Haaren spielt und ich dieses unverkennbare Kribbeln der Freiheit in den Fingerspitzen fühle, schlägt meines kleines Herzchen etwas schneller. Ich glaube an die große Liebe, die Seelenheilung durch heißen Kakao und daran, dass meine roten Gummistiefel Superkräfte verleihen. Ohne Kaffee bin ich morgens nicht aus dem Bett zu kriegen und für ein Blaubeermuffin würde ich selbst das Surfbrett links liegen lassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.