Alpenüberquerung E5 – alleine unterwegs

Grauer Nebel und Nieselregen. So begrüßt mich Oberstdorf als ich aus dem Zug steige um meine Alpenüberquerung in Angriff zu nehmen. Es ist Sonntag, der Linienbus fährt um diese Uhrzeit nicht mehr. Das fängt ja gut an. Auf dem Weg zum Taxistand begegne ich keiner Menschenseele und auch mein Klingeln und Klopfen an der Tür der Zentrale ist erfolglos. Ich stehe dort mit meinem viel zu schweren Rucksack und habe keine Ahnung, wie ich um diese Uhrzeit noch ins Hotel kommen soll, geschweige denn, innerhalb von 8 Tagen nach Meran. Zu Fuß.

Kommt Zeit kommt Rat denke ich mir und nehme auf der überdachten Bank vor der Taxizentrale Platz. Meine Zweifel wachsen und ich kann die immer lauter werdende Stimme tief in mir drin nicht mehr ignorieren: was zur Hölle mache ich hier eigentlich? Traue ich mir das wirklich zu, alleine als Hamburger Deern über die Alpen zu laufen. Einfach so. Morgen früh – Schuhe an und los?!

Letzte Chance … vorbei

Bevor ich auf der Stelle kehrt machen kann um mich zurück in den nächsten Zug gen Hamburg zu flüchten, fährt Gott sei Dank das Taxi auf den Hof und bringt mich wohl behalten zum Explorer Hotel, wo ich mir noch diese letzte Nacht in einem anständigen Bett mit reichhaltigen Frühstück am nächsten Morgen gönne.

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Auch nach einer sehr unruhigen Nacht ändert sich das Wetter nicht. Im Gegenteil. Von den an mein Fenster klopfenden Regentropfen werde ich geweckt. Ich lasse noch einen Moment die Augen zu, in der Hoffnung, dass sich der Regen weg träumen lässt – aber keine Chance. Nass, kalt und grau begrüßt mich dieser Montag. Meine Stimmung hat noch vor dem Aufstehen den absoluten Tiefpunkt erreicht. Ich checke den Wetterbericht auf der Alpenvereinsseite und meine größe Befürchtung bestätigt sich: im Laufe der nächsten Tage soll es durchgehend regnen und die Schneegrenze kommt auf 1.800 Hm runter. Jackpot.

Alpenüberquerung alleine – ganz sicher?!

Auch die Mitarbeiter des Hotels sind von meinem Vorhaben die Alpenüberquerung alleine zu laufen nicht sonderlich begeistert. Ich führe in den 24 Stunden vor meinem Aufbuch ein und den selben Dialog ganze drei Mal:

• Mit welcher Bergschule läufst du denn los? 
– Mit gar keiner, ich laufe alleine.
• Und wo haben deine Freunde übernachtet?
– Wie gesagt, ich laufe alleine.
• Hast du das schon mal gemacht?
– Ich war schon öfters in den Bergen, aber das ist meine erste Tour alleine.
• Wow – ist dir bewusst was dich da erwartet?
– Ich kann es es mir grob vorstellen, bin gut vorbereitet und werde es aus mich zukommen lassen.
• Okay … wo kommst du denn her?
– Aus Hamburg.
– Ach herjee …. hast du überhaupt die richtigen Schuhe dabei?
– Dank Dachstein bin ich bestens ausgerüstet.
– Du weißt aber schon, dass der Schnee kommt?
– Ja ich habe mich informiert und wenn es so sein sollte muss ich abbrechen.
– Bist du überhaupt versichert? – es werden regelmäßig Wanderer von der Bergrettung abgeholt, die sich maßlos überschätzen.
– Danke der Nachfrage, ich bin stolzes Mitglied im DAV Hamburg und mit dem Schlimmsten will ich nicht rechnen.

Zwei dieser Gespräche enden damit, dass mir die Therme in Oberstdorf als optimales Ausflugsziel an Regentagen ans Herz gelegt wird. Na vielen Dank auch – mit dem Zuspruch von allem Seiten kann ja nichts mehr schief gehen!

Nachdem ich meine Tasche mit allem was nicht in den Rucksack gehört im Explorer Hotel für die nächsten Tage sicher eingeschlossen habe, mache ich mich auf zur Bushaltestelle. Der erste Bus kommt gar nicht, der zweite Busfahrer lässt mich wortwörtlich einfach im Regen stehen. Wie hätte es an diesem Morgen auch anders sein sollen? Wild entschlossen mich nicht unterkriegen zu lassen, rufe ich mir ein Taxi und lasse mich am Hotel abholen. Einziger Nachteil: der oben skizzierte Dialog spielt sich noch ein viertes Mal zwischen dem Taxifahrer und mir ab. Einziger Unterschied: ich verheimliche ihm diesmal, dass ich aus Hamburg komme und dass mein Ziel Meran ist, schliesslich lerne ich auch dazu. 😉

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Am Bahnhof angekommen geht es zu Fuß weiter in Richtung katholische Kirche. Die Beschilderung des Wanderweges lässt zu wünschen übrig und ich bin froh auf einige Menschen zu treffen, die mir den Weg weisen können. Die ersten 20 Minuten laufe ich an der Straße lang geplagt von immer größer werdenden Zweifeln. Soll ich wirklich los laufen? JEDER rät mir davon ab. Tausend Stimmen schwirren durch meinen Kopf. Was soll ich tun?

Hör auf dein Herz!

Durchgefroren und nass wie ich bin, beschliesse ich in der Loretto Kapelle eine Pause einzulegen, um zwischen all den Stimmen meine eigene wieder zu finden. Dort in dieser kleinen Wallfahrtskapelle fasse ich einen Entschluss: egal was alle anderen sagen ich werde laufen. Zumindest bis zur Kemptner Hütte. Und nach einem heißen Kakao und einem Kaiserschmarren auf der Hütten, werde ich morgen früh je nach Wetterlage entscheiden ob ich meine Tour fortsetze oder umkehren muss. Aber zumindest die erste Etappe will ich schaffen. Ich will es wenigstens versucht haben. Mein Entschluss steht fest: E5 ich komme!

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Kategorie Hike, Outdoor

Hej hej, ich bin Lisa. Naturkind, sturmverrückt und Surferbraut im Herzen. Solange der Wind mit meinen Haaren spielt und ich dieses unverkennbare Kribbeln der Freiheit in den Fingerspitzen fühle, schlägt meines kleines Herzchen etwas schneller. Ich glaube an die große Liebe, die Seelenheilung durch heißen Kakao und daran, dass meine roten Gummistiefel Superkräfte verleihen. Ohne Kaffee bin ich morgens nicht aus dem Bett zu kriegen und für ein Blaubeermuffin würde ich selbst das Surfbrett links liegen lassen.

4 Kommentare

  1. Hi Lisa! Ich finde es klasse, dass du losgelaufen bist! Bin auch schon gespannt auf mehr Berichte 🙂 EIn bisschen was konnte man ja schon auf Facebook und Instagram sehen 😛
    Respekt auf jeden Fall! Ich bin auch noch nicht sehr oft alleine gelaufen – bisher nur einige wenige Tagestouren in mir bekannteren Gebieten, aber ich kriege jetzt schon Lust es mal auszuprobieren! Viele Grüße, Vicky

    • Liebe Vicky, vielen lieben Dank für deine herzlichen Worte. 🙂 Da wird’s mir ja ganz warm ums Herz! <3 Bei mir war es jetzt auch die erste Tour bei der ich alleine los bin - und ich muss jetzt im Nachhinein sagen: ich habe es kein einziges Mal bereut. Ich glaube gerade WEIL ich alleine war, konnte ich so viel für mich mitnehmen von dieser Wanderung! Also nur Mut. 🙂

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